Im FOKUS

Martina Wörner

BRÜCKEN


Brückenbauer betreiben ein ehrbares Gewerbe. Sie fördern den Ideen- und den Warenaustausch. Die Ingenieurskunst ist grenzenlos und meistert fast alle natürlichen Barrieren. Kulturgewalten allerdings werfen größere Probleme auf. Vor allem die beiden Schlüsselkategorien der Identitätsstiftung erweisen sich als schwer überbrückbar. Die Nation, die große Fiktion aus dem 19. Jahrhundert, dient Postdemokraten als Botenstoff. Die Rasse ist die Schlüsselvariable einer kolonialen Rechtfertigungsstrategie, die lange vor Ausschwitz „Herrenmenschen“ und Zwangsarbeiter, Zwangssterilisationen und Vernichtungslager hervorbrachte. Angesichts dieser Geschichte ist es inakzeptabel, dass Menschen wieder auf Kategorien reduziert werden. Gegen die „Renaissance des Identitären“ hilft erfahrungsgemäß die Betonung des Biografischen. Jeder Mensch ist, was er ist, auf Grund seiner Lebensgeschichte, die in ungleichen Gesellschaften von den soziologischen Kategorien beeinflusst, aber nicht determiniert wird. Das Antidot gegen Markierungen sind unsere ureigenen Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählen, und denen wir mit wachsender Empathie zuhören.

 

Im Übrigen gibt es viele Geschichten, in denen Outsider die Guten sind. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist so eine. Eine andere handelt von einem, der seine Weltsicht und seine Uniform gegen etwas Prekäres aber Wahres eintauscht. Emanzipation vom Falschen ist jederzeit möglich. „Das Leben der Anderen“ bringt „die Ode vom Guten Menschen“ auf die Leinwand. Brückensprenger produzieren andere Bilder, spektakulärere, weniger poetische, aber geschichtsmächtigere. Ist das so? In pandemischen Zeiten jedenfalls stehen Brückenbauer höher im Kurs als ihre Kollegen von der destruktiven Zunft.

 

Der neue Semesterschwerpunkt schlägt Brücken zwischen Ländern, Zeiträumen und Themen, die vordergründig nichts miteinander zu tun haben. Vor solchen Brückenschlägen warnen manche Experten: man vergleiche leicht Äpfel mit Birnen, denn die Vergleichsvariablen seien zahlreich und komplex. Trotz aller berechtigten Einwände müssen Brücken aus dem Dort und Damals ins Hier und Jetzt geschlagen werden. Ohne solche Bezüge, so prekär sie auch sein mögen, wird historisches Wissen nicht selbstwirksam. Als in den 1980ern vielerorts Geschichtswerkstätten entstanden, veränderte sich die Erinnerungskultur grundlegend. Das Spektrum dessen und derer, die als erinnerungswürdig galten, explodierte förmlich. Plötzlich rückten auch Randständige und Widerständige ins Rampenlicht. Mit den Inhalten veränderten sich auch Gedenkstätten. Sie rückten näher und wurden zu echten Stolpersteinen im Alltag der Menschen.

 

In Fachkreisen herrscht ein breiter Konsens darüber, dass Demokratie und Erinnerung einander bedingen. Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit ist nicht „nur“ ein überfälliger Schritt zur Aussöhnung mit den kolonialisierten Völkern, sondern eine demokratiepolitische Notwendigkeit. Die Anerkennung des Genozids an den Hereros im heutigen Namibia würde der politischen Kultur gut tun, auch wenn dieser unverstellte Blick tätige Reue verlangt. Wichtig sind auch Brückenschläge innerhalb unserer Gesellschaft, zu den Ausgegrenzten etwa, denn das Land ist in vieler Hinsicht gespalten. Leider gibt es Kräfte, die Unterschiede betonen, weil sie von segregierten Gesellschaften profitieren. Diese Unterschiede wollen wir in ein anderes Licht rücken, und zwar im Dialog mit den Menschen vor Ort, auch mit den Gespaltenen und den Zwiespältigen, nicht aber mit den Spaltern.

Mit Folklore und Weltmusik
2022711
Mo 28.09.20
19:00 –20:30 Uhr
Di 06.10.20
19:00 –22:00 Uhr
Mi 14.10.20
19:00 –22:00 Uhr
Di 20.10.20
19:00 –22:00 Uhr
Mo 09.11.20
19:00 –22:00 Uhr
Do 12.11.20
19:00 –22:00 Uhr
Mi 18.11.20
19:00 –22:00 Uhr
Fr 20.11.20
19:00 –22:00 Uhr
Mo 23.11.20
19:00 –22:00 Uhr
Do 26.11.20
18:00 –21:00 Uhr
Do 14.01.21
19:00 –22:00 Uhr
Di 26.01.21
19:00 –22:00 Uhr
Mi 20.01.21
19:00 –22:00 Uhr
2021811
Mo 01.02.21
19:00 –22:00 Uhr
 
Martina Wörner

BRÜCKEN


Brückenbauer betreiben ein ehrbares Gewerbe. Sie fördern den Ideen- und den Warenaustausch. Die Ingenieurskunst ist grenzenlos und meistert fast alle natürlichen Barrieren. Kulturgewalten allerdings werfen größere Probleme auf. Vor allem die beiden Schlüsselkategorien der Identitätsstiftung erweisen sich als schwer überbrückbar. Die Nation, die große Fiktion aus dem 19. Jahrhundert, dient Postdemokraten als Botenstoff. Die Rasse ist die Schlüsselvariable einer kolonialen Rechtfertigungsstrategie, die lange vor Ausschwitz „Herrenmenschen“ und Zwangsarbeiter, Zwangssterilisationen und Vernichtungslager hervorbrachte. Angesichts dieser Geschichte ist es inakzeptabel, dass Menschen wieder auf Kategorien reduziert werden. Gegen die „Renaissance des Identitären“ hilft erfahrungsgemäß die Betonung des Biografischen. Jeder Mensch ist, was er ist, auf Grund seiner Lebensgeschichte, die in ungleichen Gesellschaften von den soziologischen Kategorien beeinflusst, aber nicht determiniert wird. Das Antidot gegen Markierungen sind unsere ureigenen Geschichten, die wir uns gegenseitig erzählen, und denen wir mit wachsender Empathie zuhören.

 

Im Übrigen gibt es viele Geschichten, in denen Outsider die Guten sind. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist so eine. Eine andere handelt von einem, der seine Weltsicht und seine Uniform gegen etwas Prekäres aber Wahres eintauscht. Emanzipation vom Falschen ist jederzeit möglich. „Das Leben der Anderen“ bringt „die Ode vom Guten Menschen“ auf die Leinwand. Brückensprenger produzieren andere Bilder, spektakulärere, weniger poetische, aber geschichtsmächtigere. Ist das so? In pandemischen Zeiten jedenfalls stehen Brückenbauer höher im Kurs als ihre Kollegen von der destruktiven Zunft.

 

Der neue Semesterschwerpunkt schlägt Brücken zwischen Ländern, Zeiträumen und Themen, die vordergründig nichts miteinander zu tun haben. Vor solchen Brückenschlägen warnen manche Experten: man vergleiche leicht Äpfel mit Birnen, denn die Vergleichsvariablen seien zahlreich und komplex. Trotz aller berechtigten Einwände müssen Brücken aus dem Dort und Damals ins Hier und Jetzt geschlagen werden. Ohne solche Bezüge, so prekär sie auch sein mögen, wird historisches Wissen nicht selbstwirksam. Als in den 1980ern vielerorts Geschichtswerkstätten entstanden, veränderte sich die Erinnerungskultur grundlegend. Das Spektrum dessen und derer, die als erinnerungswürdig galten, explodierte förmlich. Plötzlich rückten auch Randständige und Widerständige ins Rampenlicht. Mit den Inhalten veränderten sich auch Gedenkstätten. Sie rückten näher und wurden zu echten Stolpersteinen im Alltag der Menschen.

 

In Fachkreisen herrscht ein breiter Konsens darüber, dass Demokratie und Erinnerung einander bedingen. Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit ist nicht „nur“ ein überfälliger Schritt zur Aussöhnung mit den kolonialisierten Völkern, sondern eine demokratiepolitische Notwendigkeit. Die Anerkennung des Genozids an den Hereros im heutigen Namibia würde der politischen Kultur gut tun, auch wenn dieser unverstellte Blick tätige Reue verlangt. Wichtig sind auch Brückenschläge innerhalb unserer Gesellschaft, zu den Ausgegrenzten etwa, denn das Land ist in vieler Hinsicht gespalten. Leider gibt es Kräfte, die Unterschiede betonen, weil sie von segregierten Gesellschaften profitieren. Diese Unterschiede wollen wir in ein anderes Licht rücken, und zwar im Dialog mit den Menschen vor Ort, auch mit den Gespaltenen und den Zwiespältigen, nicht aber mit den Spaltern.

Mit Folklore und Weltmusik
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