Filmgespräche

Eingebettet in das Schwerpunkthema des Semesters zeigt die vhs in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartnern ausgewählte Filme mit Bezug zu aktuellen, politischen und gesellschaftskritischen Themen. Fremdsprachige Filme laufen meist in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Das Filmgespräch beginnt jeweils mit einer kurzen Einführung zur Verortung der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Films. Nach der Filmvorführung folgt eine moderierte Diskussion mit der Möglichkeit, sich über Thema und Handlung des Films auszutauschen.



2. Semester 2019


VERMESSEN³

GRENZEN ÜBERWINDEN, GRENZEN SETZEN, GRENZEN NEU VERMESSEN

„Establishing Shots“ sind die ersten Einstellungen in Filmen. Manche dieser „Schüsse“ sind legendär wie der in dem Film, den viele für den besten aller Zeiten halten. In „Citizen Kane“ zeigt die Kamera ein verrostetes Schild an einem Maschendrahtzaun. Darauf steht „Betreten verboten“, womit klar ist, dass es eine Grenze gibt, die man nicht übertreten soll. Klar ist aber auch, dass sich die Kamera an dieses Verbot nicht halten wird. Denn die Menschen hinter der Kamera und die Menschen hinter den Kameraleuten sind notorische Grenzgänger. Sie sind Voyeure, die aus reiner Neugier oder aus öffentlichem Interesse zeigen, was andere sorgfältig verbergen wollen. Die Grenzübertretung ist die Zwillingsschwester der Grenze, und es ist nicht klar, wer von beiden die bessere ist. Die Kamera ist aber nicht nur das Auge investigativer Journalisten, sondern auch die Sehhilfe des Mitmenschen, der konkrete Menschen und wie sie die Welt sehen, verstehen möchte. Und schließlich liefert sie im besten Sinne des Wortes Anschauungsmaterial. In der aktuellen Filmgesprächsreihe handelt es sich dabei um Sozialstudien, in denen die Protagonisten Grenzerfahrungen im doppelten Sinne des Wortes machen. Dilemma-Situationen sind außerordentlich filmtauglich und gleichzeitig besonders wertvoll für die Demokratiebildung.
 
Die neue Filmgesprächsreihe trägt den Titel VERMESSEN³. Die Mehrdeutigkeit ist gewollt. Grenzen müssen angesichts der vielfältigen Verwerfungen neu vermessen werden. Und vermessen ist die Forderung nach einer umfassenden Demokratisierung aller gesellschaftlichen Teilbereiche, allerdings nur in den Augen derer, die für eine Wagenburg zur Verteidigung des demokratischen Kernbestandes plädieren. Beide Lager wollen das Beste für die Demokratie. Nur wer hat Recht, und wer hat sich vermessen, die Pessimisten oder die notorischen Optimisten, die Hoffnung für ein unsterbliches Prinzip halten? Antworten darauf liefert unsere neue dreigliedrige Filmgesprächsreihe. Die erste Achse thematisiert territoriale Grenzen zwischen unterschiedlichen Staaten und gegensätzlichen Stadtteilen. La zona ist eine „Gated Community“ in Mexico-City, in der sich die Oberschicht vor dem Rest der Gesellschaft und wie sie ihn sieht, schützen will. Doch Refugien können zu Vorhöfen der Hölle werden. In Neuhof, einem berüchtigten Vorort der lauschigen Fachwerkstadt Strasbourg befreit sich ein junger Rapper von den multiplen Spielarten der (Selbst)Ausgrenzung und macht seinen Frieden mit der Grande Nation: Qu’Allah bénisse la France. Dass Kameradschaft und Solidarität Grenzen sprengen, beweisen deutsche Bergleute, als sie ihren verschütteten Kumpeln in Lothringen zur Hilfe eilen. In der Zwischenkriegszeit wohlgemerkt. Wenige Jahre später stellt ein Schweizer Polizeibeamter die Menschlichkeit über den Grenzschutz. Die Akte Grüninger ist ein Albtraum für alle, die keinen Schweizer Käse mögen, schon gar nicht als Metapher für eine Landesgrenze. Poka heißt Tschüss auf Russisch handelt wie Adam und Evelyn von Menschen im Osten, die plötzlich die Chance haben, in den Westen auszuwandern. Und im TGV-Express sitzen Menschen in einem klapprigen Autobus. Sie müssen über eine gefährliche Grenze, die Kolonialherren gezogen haben. Und die spiegelt die mentalen Schranken in den Köpfen der Reisegesellschaft.
 
Die zweite Achse ist dem Mauerfall vor 30 Jahren gewidmet. Der Wall war nicht baufällig, es bedurfte schon mutiger Menschen, die ihn zum Einsturz brachten. Das Wunder von Leipzig würdigt diejenigen, die am 9. Oktober 1989 in die letzte Schlacht zogen und zu ihrer Verblüffung auf keinen nennenswerten Widerstand stießen. Eine lange Liste von verbotenen Filmen zeugt davon, dass die Ästhetik des Widerstands in der DDR eine lange Tradition hatte. Die Spur der Steine ist ein solcher. Der Film ist Kult, bis heute, vielleicht weil er um das böse Wort „Anarchie“ kreist. Schon der Titel ist im höchsten Maße subversiv. Was wenn die Spur, die Sisyphos bei seiner Straf-Arbeit am Berg zieht, irgendwann so tief ist wie der Berg hoch?
 

Auf der dritten Achse bewegen sich die Ausgegrenzten, die Ausgebeuteten, die Marginalisierten. Und sie bewegen sich ziemlich aufrecht. Ken Loachs Filme stehen ohnehin für starke Menschen in elenden Umständen. Das gilt für Täter und Opfer in It’s a Free World, und das gilt für den modernen Don Quichotte im Kampf mit den restriktiven Resten des britischen Wohlfahrtsstaats. Er sprüht sie an jede Wand, seine keineswegs anonyme Botschaft: I, Daniel Blake…. Auch Petrunya bringt Grenzen zu Fall und Männer an die Grenze des Nervenzusammenbruchs. Sie hat keine Angst vor Autoritäten, denn God exists and her Name is Petrunya. Túpac Amaru ist eine nachhaltige Antwort auf die Frage, wie die gewaltige Kluft zwischen Arm und Reich in Lateinamerika überwunden werden kann. Milagro Sala vermischt indigenen Gemeinsinn und libertären Sozialismus zu einem städtebaulichen Selbsthilfeprojekt. Algo está cambiando – es ändert sich was in Lateinamerika, nicht zuletzt weil die „nación clandestina“ plötzlich zum (sozial)politischen Akteur wird. Mit Risiken und Nebenwirkungen allerdings… Wie gefährlich Brückenschläge sein können, zeigt auch der Dokumentarfilm Quando c’era Berlinguer. Er, Berlinguer ist der Erfinder des demokratischen Kommunismus. Er und sein kongenialer Partner, der Christdemokrat Aldo Moro gelten als die ehrlichsten Politiker in der italienischen Nachkriegsgeschichte. Der Historische Kompromiss zwischen den beiden ungleichen Partnern hätte Italien verändert… Derzeit verändert sich die Welt nach ganz anderen Bauplänen. The Circle zeigt die Schöne Neue Welt der Sozialen Netzwerke und der Künstlichen Intelligenz, in ihrem Clamour und in ihrer Menschenverachtung. Es riecht nach Parfüm und nach Schwefel. Und schließlich beschäftigen sich zwei Dokumentarfilme auf eine sehr empathische Weise mit zwei völlig unterschiedlichen Randgruppen: den Prostituierten in Bordell Deutschland und den Hundertjährigen in Ü 100.

Mi 29.01.20
19:00 - 22:00 Uhr
1921818
Di 04.02.20
19:00 - 22:00 Uhr


1. Semester 2020


GEMEINSINN
 
Als er gefragt wurde, was er denn nun sei, Türke oder Deutscher, antwortete Fatih Akın, das wisse er nicht, aber eins sei er auf jeden Fall: Hamburger. Das müsse reichen. Der Mann, der so viele Filme gemacht hat und mit seiner Produktionsgesellschaft so vielen jungen Menschen mit türkischem, italienischem, spanischem oder süddeutschem Migrationshintergrund zu Karrieresprüngen verhalf, mag seine Heimatstadt, und die mag ihn.
 
Er mag sie so sehr, dass er ihr ein filmisches Denkmal setzte, eins wie das Lied von der Reeperbahn nachts um halb eins. Soul Kitchen heißt der Film und der Dialog zwischen dem neuen Koch und dem Betreiber der Wilhelmsburger Kult(ur)kneipe ist legendär: „Es wird verkauft, was nicht verkauft werden kann. Falsche Leidenschaften, reine Illusion, Augenwischerei und die Völlerei. Du hast 40 Gerichte auf deiner Karte, und alle schmecken gleich… Für das gleiche Geld mache ich dir jeden Tag wechselnd vier Gerichte. Essen für die Seele!“ „Soul Kitchen“ bringt es der Koch auf den Punkt. Der Plan geht auf, was allerdings einen Investor auf denselben ruft. Als es zum letzten Gentrifizierungsgefecht kommt, wächst der Kiez über sich hinaus. Die Kneipe bleibt im Kiez. Ganz Hamburg besteht aus vielen Kiezen, und die werden verteidigt, von den echten Hamburgern, mit oder ohne Migrationshintergrund. Die Hymne an Hamburg ist eine Hymne an den Gemeinsinn, an die Solidarität, an die Lebensfreude, an das Echte im Leben, an die Authentizität, an den Genuss und an die Lust am gemeinsamen Feiern und Tanzen.
 
Zweifellos ist Gemeinsinn eine außerordentlich filmtaugliche Kategorie. Bei der Frage nach der Vergesellschaftung des Einzelnen, nach dem Zusammenspiel zwischen den Ängsten, Bedürfnissen, Leidenschaften und Sehnsüchten eines Individuums und der Werteordnung der Gemeinschaft, in der sich das Individuum bewegt, greifen Gesellschaftspädagogen gerne zu filmischen Quellen. Sie liefern die Diskurse, die im Unterricht hinterfragt werden können. Generell lassen sich zwei Masterszenarien unterscheiden. Im optimistischen Szenario stehen die Protagonisten vor einer großen Aufgabe und setzen dabei auf die synergetischen Effekte ihrer Gruppe. Aus ihr beziehen sie die Kräfte, die sie vorwärtstreiben: die Wertschätzung, die Aufmunterung, die konstruktive Kritik der Menschen, die ihnen wichtig sind. Sie erkennen, dass der kurzfristige Verzicht auf persönliche Vorteile zugunsten der Gemeinschaft durch symbolisches und auf lange Sicht sogar ökonomisches Kapital entlohnt wird. Die Wandlung eines Protagonisten vom Egoisten zum allseits geschätzten Teamplayer ist ein beliebter Plot in Filmen mit einem gewissen „Wohlfühlfaktor“. Sie als „Feelgood-Filme“ abzuqualifizieren, ist jedoch grundfalsch. Per saldo und trotz aller konjunkturellen Ausschläge zeigt die Resultante aller sozialgeschichtlichen Vektoren nach oben. So gesehen sind Filme, die eine Entwicklung zum Besseren illustrieren, nicht per sé unrealistisch. Ganz im Gegenteil! Innerhalb der neuen Reihe sollen bewusst auch Filme gezeigt werden, die Menschen mit hehren Werten und hohen Zielen auf die Leinwand bringen, und zwar mit diskursivem Tiefgang und hoher bildsprachlicher Qualität. „Filme in Dur“ sind nicht zwangsläufig schlechter als „Filme in Moll“.
 
>Das zweite Masterszenario setzt die Protagonisten massiv unter Druck. Ein Sieg über die Verhältnisse ist kaum vorstellbar, zumindest nicht in naher Zukunft. Aber eine würdevolle Haltung unter schwierigen Bedingungen ist möglich. Würde sich allerdings der „Aufrechte Gang“ der Protagonisten verallgemeinern, könnte unter Umständen die Systemfrage neu gestellt werden. Das wäre allerdings Stoff für einen neuen Film.
 
Die systemsprengenden Filme der Reihe spielen in Spanien, in Kalifornien, in England, in Nigeria und in Liberia. In Campeones werden alle Normalitätserwartungen pulverisiert. Nichts ist so, wie es scheint. Sinn muss gestiftet werden und zwar so, dass es für alle Betroffenen und für die Gemeinschaft Sinn macht. Die Champions des Alltags zeigen, dass diese Feinabstimmung möglich und notwendig ist. Alles andere ist nicht normal, ja geradezu bescheuert. Auch in Freedom Writers hat der Gemeinsinn systemsprengende Kraft. Der Film liefert bemerkenswerte Antworten auf die Frage, wie diese Kraft in einem konkreten Raum, entfacht werden kann. Pride ist eine Hommage an die Vielfalt und an die Fähigkeit, Gemeinschaft auch in Unterschieden und Abweichungen zu denken. So wird aus Gemeinsinn Hegemonie und politische Schlagkraft. Der Imam und der Pastor stellen die Gretchen-Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Religion. Wer ist für wen da? Viel steht auf dem Spiel, denn „Religion ist wie eine Kerze. Man kann damit ein Haus erleuchten und es anzünden.“ Wenn Männer zündeln wollen, zahlen Frauen oft den Preis. Aber stell dir vor, es ist Krieg, und die Frauen in Liberia verweigern sich ihm konfessionsübergreifend: Zur Hölle mit dem Teufel!
 
Es gibt Systeme, Organisationen und Werteordnungen, die jegliche Form von Gemeinschaft(lichkeit) hintertreiben. Die Macht der Antagonisten beruht auf der Spaltung der Gesellschaft. Gegensätze werden aufgebaut und mit Brandreden befeuert. Die Protagonisten in den Filmen der vorliegenden Reihe haben mächtige Gegner. Sie kämpfen gegen die italienische Mafia, gegen kolumbianische Drogenkartelle, gegen christliche Fundamentalisten, gegen eine überhebliche und skrupellose Kolonialordnung, in der es immer wieder zu Exzessen und Massakern kommt, und schließlich gegen eine Wirtschaftsordnung, die den Wert des Menschen ausschließlich in Aktiva und Passiva bemisst und selbst Einrichtungen wie Krankenhäuser zu Lasten der Patienten und der Beschäftigten auf Marktkonformität taktet.
 
Der marktgerechte Patient illustriert die durchgetaktete Institution Krankenhaus und die Schwierigkeit an einem solchen Ort Mensch und Gemeinschaft gleichermaßen zu sein. Denn nur das Team schließt aus humanitären Gründen die Löcher, die das System reißt. Und genau diese Menschlichkeit soll betriebswirtschaftlich eliminiert werden!? Der Wert des Menschen zeigt die Reduktion von Menschen auf buchhalterische Posten. Menschen werden zu Werkzeugen ohne Innenleben. Wer doch eins hat, womöglich sogar ein Gewissen, hat ein Problem in einer Welt wie jener im Film. La siciliana ribelle fokussiert einen tiefen Wertekonflikt und zeigt exemplarisch, wie prekär Befreiungsschläge sind. Das weiße Band thematisiert die Rebellion Jugendlicher gegen ein bigottes und selbstgerechtes Gottes- und Menschenbild. In Jardín de Amapolas steht die Frage im Mittelpunkt, was Kind-Sein im Umfeld so genannter „Schmutziger Kriege“ (guerras sucias) bedeutet. Und in Camp de Thiaroye wird die Frage behandelt, ob Menschen, die gerade für ein fremdes Land ihr Leben eingesetzt haben, nach dem gewonnenen Krieg trotz anderslautender Versprechen wieder auf den Platz zurückkehren, denen ihnen der Kolonialismus zugewiesen hat. 1944 verweigerten sich die Soldaten und bezahlten einen hohen Preis. 16 Jahre später wurden 13 afrikanische Länder unabhängig, darunter auch der Senegal. Anders als in Algerien beispielsweise ergaben sich die in vielfältiger Hinsicht erschöpften Kolonialreiche. Sie hatten jeden Anschein von Legitimation verloren, und zwar durch eine ganze Reihe von Geschichten wie jener, die sich in Thiaroye abspielte. Ein später Sieg.

Di 11.02.20
19:00 - 22:00 Uhr
Sa 15.02.20
16:00 - 21:00 Uhr
Mo 17.02.20
19:00 - 22:00 Uhr
2011804
Di 10.03.20
19:00 - 22:00 Uhr
Do 19.03.20
19:00 - 22:00 Uhr
2011806
Mi 25.03.20
19:00 - 22:00 Uhr
Mo 30.03.20
19:00 - 22:00 Uhr
Fr 24.04.20
19:00 - 22:00 Uhr
Do 07.05.20
19:00 - 22:00 Uhr
Di 12.05.20
19:00 - 22:00 Uhr
Fr 26.06.20
20:00 - 23:00 Uhr
Do 02.07.20
19:00 - 22:00 Uhr
 

Eingebettet in das Schwerpunkthema des Semesters zeigt die vhs in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kooperationspartnern ausgewählte Filme mit Bezug zu aktuellen, politischen und gesellschaftskritischen Themen. Fremdsprachige Filme laufen meist in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Das Filmgespräch beginnt jeweils mit einer kurzen Einführung zur Verortung der Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Films. Nach der Filmvorführung folgt eine moderierte Diskussion mit der Möglichkeit, sich über Thema und Handlung des Films auszutauschen.



2. Semester 2019


VERMESSEN³

GRENZEN ÜBERWINDEN, GRENZEN SETZEN, GRENZEN NEU VERMESSEN

„Establishing Shots“ sind die ersten Einstellungen in Filmen. Manche dieser „Schüsse“ sind legendär wie der in dem Film, den viele für den besten aller Zeiten halten. In „Citizen Kane“ zeigt die Kamera ein verrostetes Schild an einem Maschendrahtzaun. Darauf steht „Betreten verboten“, womit klar ist, dass es eine Grenze gibt, die man nicht übertreten soll. Klar ist aber auch, dass sich die Kamera an dieses Verbot nicht halten wird. Denn die Menschen hinter der Kamera und die Menschen hinter den Kameraleuten sind notorische Grenzgänger. Sie sind Voyeure, die aus reiner Neugier oder aus öffentlichem Interesse zeigen, was andere sorgfältig verbergen wollen. Die Grenzübertretung ist die Zwillingsschwester der Grenze, und es ist nicht klar, wer von beiden die bessere ist. Die Kamera ist aber nicht nur das Auge investigativer Journalisten, sondern auch die Sehhilfe des Mitmenschen, der konkrete Menschen und wie sie die Welt sehen, verstehen möchte. Und schließlich liefert sie im besten Sinne des Wortes Anschauungsmaterial. In der aktuellen Filmgesprächsreihe handelt es sich dabei um Sozialstudien, in denen die Protagonisten Grenzerfahrungen im doppelten Sinne des Wortes machen. Dilemma-Situationen sind außerordentlich filmtauglich und gleichzeitig besonders wertvoll für die Demokratiebildung.
 
Die neue Filmgesprächsreihe trägt den Titel VERMESSEN³. Die Mehrdeutigkeit ist gewollt. Grenzen müssen angesichts der vielfältigen Verwerfungen neu vermessen werden. Und vermessen ist die Forderung nach einer umfassenden Demokratisierung aller gesellschaftlichen Teilbereiche, allerdings nur in den Augen derer, die für eine Wagenburg zur Verteidigung des demokratischen Kernbestandes plädieren. Beide Lager wollen das Beste für die Demokratie. Nur wer hat Recht, und wer hat sich vermessen, die Pessimisten oder die notorischen Optimisten, die Hoffnung für ein unsterbliches Prinzip halten? Antworten darauf liefert unsere neue dreigliedrige Filmgesprächsreihe. Die erste Achse thematisiert territoriale Grenzen zwischen unterschiedlichen Staaten und gegensätzlichen Stadtteilen. La zona ist eine „Gated Community“ in Mexico-City, in der sich die Oberschicht vor dem Rest der Gesellschaft und wie sie ihn sieht, schützen will. Doch Refugien können zu Vorhöfen der Hölle werden. In Neuhof, einem berüchtigten Vorort der lauschigen Fachwerkstadt Strasbourg befreit sich ein junger Rapper von den multiplen Spielarten der (Selbst)Ausgrenzung und macht seinen Frieden mit der Grande Nation: Qu’Allah bénisse la France. Dass Kameradschaft und Solidarität Grenzen sprengen, beweisen deutsche Bergleute, als sie ihren verschütteten Kumpeln in Lothringen zur Hilfe eilen. In der Zwischenkriegszeit wohlgemerkt. Wenige Jahre später stellt ein Schweizer Polizeibeamter die Menschlichkeit über den Grenzschutz. Die Akte Grüninger ist ein Albtraum für alle, die keinen Schweizer Käse mögen, schon gar nicht als Metapher für eine Landesgrenze. Poka heißt Tschüss auf Russisch handelt wie Adam und Evelyn von Menschen im Osten, die plötzlich die Chance haben, in den Westen auszuwandern. Und im TGV-Express sitzen Menschen in einem klapprigen Autobus. Sie müssen über eine gefährliche Grenze, die Kolonialherren gezogen haben. Und die spiegelt die mentalen Schranken in den Köpfen der Reisegesellschaft.
 
Die zweite Achse ist dem Mauerfall vor 30 Jahren gewidmet. Der Wall war nicht baufällig, es bedurfte schon mutiger Menschen, die ihn zum Einsturz brachten. Das Wunder von Leipzig würdigt diejenigen, die am 9. Oktober 1989 in die letzte Schlacht zogen und zu ihrer Verblüffung auf keinen nennenswerten Widerstand stießen. Eine lange Liste von verbotenen Filmen zeugt davon, dass die Ästhetik des Widerstands in der DDR eine lange Tradition hatte. Die Spur der Steine ist ein solcher. Der Film ist Kult, bis heute, vielleicht weil er um das böse Wort „Anarchie“ kreist. Schon der Titel ist im höchsten Maße subversiv. Was wenn die Spur, die Sisyphos bei seiner Straf-Arbeit am Berg zieht, irgendwann so tief ist wie der Berg hoch?
 

Auf der dritten Achse bewegen sich die Ausgegrenzten, die Ausgebeuteten, die Marginalisierten. Und sie bewegen sich ziemlich aufrecht. Ken Loachs Filme stehen ohnehin für starke Menschen in elenden Umständen. Das gilt für Täter und Opfer in It’s a Free World, und das gilt für den modernen Don Quichotte im Kampf mit den restriktiven Resten des britischen Wohlfahrtsstaats. Er sprüht sie an jede Wand, seine keineswegs anonyme Botschaft: I, Daniel Blake…. Auch Petrunya bringt Grenzen zu Fall und Männer an die Grenze des Nervenzusammenbruchs. Sie hat keine Angst vor Autoritäten, denn God exists and her Name is Petrunya. Túpac Amaru ist eine nachhaltige Antwort auf die Frage, wie die gewaltige Kluft zwischen Arm und Reich in Lateinamerika überwunden werden kann. Milagro Sala vermischt indigenen Gemeinsinn und libertären Sozialismus zu einem städtebaulichen Selbsthilfeprojekt. Algo está cambiando – es ändert sich was in Lateinamerika, nicht zuletzt weil die „nación clandestina“ plötzlich zum (sozial)politischen Akteur wird. Mit Risiken und Nebenwirkungen allerdings… Wie gefährlich Brückenschläge sein können, zeigt auch der Dokumentarfilm Quando c’era Berlinguer. Er, Berlinguer ist der Erfinder des demokratischen Kommunismus. Er und sein kongenialer Partner, der Christdemokrat Aldo Moro gelten als die ehrlichsten Politiker in der italienischen Nachkriegsgeschichte. Der Historische Kompromiss zwischen den beiden ungleichen Partnern hätte Italien verändert… Derzeit verändert sich die Welt nach ganz anderen Bauplänen. The Circle zeigt die Schöne Neue Welt der Sozialen Netzwerke und der Künstlichen Intelligenz, in ihrem Clamour und in ihrer Menschenverachtung. Es riecht nach Parfüm und nach Schwefel. Und schließlich beschäftigen sich zwei Dokumentarfilme auf eine sehr empathische Weise mit zwei völlig unterschiedlichen Randgruppen: den Prostituierten in Bordell Deutschland und den Hundertjährigen in Ü 100.

Mi 29.01.20
19:00 - 22:00 Uhr
1921818
Di 04.02.20
19:00 - 22:00 Uhr


1. Semester 2020


GEMEINSINN
 
Als er gefragt wurde, was er denn nun sei, Türke oder Deutscher, antwortete Fatih Akın, das wisse er nicht, aber eins sei er auf jeden Fall: Hamburger. Das müsse reichen. Der Mann, der so viele Filme gemacht hat und mit seiner Produktionsgesellschaft so vielen jungen Menschen mit türkischem, italienischem, spanischem oder süddeutschem Migrationshintergrund zu Karrieresprüngen verhalf, mag seine Heimatstadt, und die mag ihn.
 
Er mag sie so sehr, dass er ihr ein filmisches Denkmal setzte, eins wie das Lied von der Reeperbahn nachts um halb eins. Soul Kitchen heißt der Film und der Dialog zwischen dem neuen Koch und dem Betreiber der Wilhelmsburger Kult(ur)kneipe ist legendär: „Es wird verkauft, was nicht verkauft werden kann. Falsche Leidenschaften, reine Illusion, Augenwischerei und die Völlerei. Du hast 40 Gerichte auf deiner Karte, und alle schmecken gleich… Für das gleiche Geld mache ich dir jeden Tag wechselnd vier Gerichte. Essen für die Seele!“ „Soul Kitchen“ bringt es der Koch auf den Punkt. Der Plan geht auf, was allerdings einen Investor auf denselben ruft. Als es zum letzten Gentrifizierungsgefecht kommt, wächst der Kiez über sich hinaus. Die Kneipe bleibt im Kiez. Ganz Hamburg besteht aus vielen Kiezen, und die werden verteidigt, von den echten Hamburgern, mit oder ohne Migrationshintergrund. Die Hymne an Hamburg ist eine Hymne an den Gemeinsinn, an die Solidarität, an die Lebensfreude, an das Echte im Leben, an die Authentizität, an den Genuss und an die Lust am gemeinsamen Feiern und Tanzen.
 
Zweifellos ist Gemeinsinn eine außerordentlich filmtaugliche Kategorie. Bei der Frage nach der Vergesellschaftung des Einzelnen, nach dem Zusammenspiel zwischen den Ängsten, Bedürfnissen, Leidenschaften und Sehnsüchten eines Individuums und der Werteordnung der Gemeinschaft, in der sich das Individuum bewegt, greifen Gesellschaftspädagogen gerne zu filmischen Quellen. Sie liefern die Diskurse, die im Unterricht hinterfragt werden können. Generell lassen sich zwei Masterszenarien unterscheiden. Im optimistischen Szenario stehen die Protagonisten vor einer großen Aufgabe und setzen dabei auf die synergetischen Effekte ihrer Gruppe. Aus ihr beziehen sie die Kräfte, die sie vorwärtstreiben: die Wertschätzung, die Aufmunterung, die konstruktive Kritik der Menschen, die ihnen wichtig sind. Sie erkennen, dass der kurzfristige Verzicht auf persönliche Vorteile zugunsten der Gemeinschaft durch symbolisches und auf lange Sicht sogar ökonomisches Kapital entlohnt wird. Die Wandlung eines Protagonisten vom Egoisten zum allseits geschätzten Teamplayer ist ein beliebter Plot in Filmen mit einem gewissen „Wohlfühlfaktor“. Sie als „Feelgood-Filme“ abzuqualifizieren, ist jedoch grundfalsch. Per saldo und trotz aller konjunkturellen Ausschläge zeigt die Resultante aller sozialgeschichtlichen Vektoren nach oben. So gesehen sind Filme, die eine Entwicklung zum Besseren illustrieren, nicht per sé unrealistisch. Ganz im Gegenteil! Innerhalb der neuen Reihe sollen bewusst auch Filme gezeigt werden, die Menschen mit hehren Werten und hohen Zielen auf die Leinwand bringen, und zwar mit diskursivem Tiefgang und hoher bildsprachlicher Qualität. „Filme in Dur“ sind nicht zwangsläufig schlechter als „Filme in Moll“.
 
>Das zweite Masterszenario setzt die Protagonisten massiv unter Druck. Ein Sieg über die Verhältnisse ist kaum vorstellbar, zumindest nicht in naher Zukunft. Aber eine würdevolle Haltung unter schwierigen Bedingungen ist möglich. Würde sich allerdings der „Aufrechte Gang“ der Protagonisten verallgemeinern, könnte unter Umständen die Systemfrage neu gestellt werden. Das wäre allerdings Stoff für einen neuen Film.
 
Die systemsprengenden Filme der Reihe spielen in Spanien, in Kalifornien, in England, in Nigeria und in Liberia. In Campeones werden alle Normalitätserwartungen pulverisiert. Nichts ist so, wie es scheint. Sinn muss gestiftet werden und zwar so, dass es für alle Betroffenen und für die Gemeinschaft Sinn macht. Die Champions des Alltags zeigen, dass diese Feinabstimmung möglich und notwendig ist. Alles andere ist nicht normal, ja geradezu bescheuert. Auch in Freedom Writers hat der Gemeinsinn systemsprengende Kraft. Der Film liefert bemerkenswerte Antworten auf die Frage, wie diese Kraft in einem konkreten Raum, entfacht werden kann. Pride ist eine Hommage an die Vielfalt und an die Fähigkeit, Gemeinschaft auch in Unterschieden und Abweichungen zu denken. So wird aus Gemeinsinn Hegemonie und politische Schlagkraft. Der Imam und der Pastor stellen die Gretchen-Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Religion. Wer ist für wen da? Viel steht auf dem Spiel, denn „Religion ist wie eine Kerze. Man kann damit ein Haus erleuchten und es anzünden.“ Wenn Männer zündeln wollen, zahlen Frauen oft den Preis. Aber stell dir vor, es ist Krieg, und die Frauen in Liberia verweigern sich ihm konfessionsübergreifend: Zur Hölle mit dem Teufel!
 
Es gibt Systeme, Organisationen und Werteordnungen, die jegliche Form von Gemeinschaft(lichkeit) hintertreiben. Die Macht der Antagonisten beruht auf der Spaltung der Gesellschaft. Gegensätze werden aufgebaut und mit Brandreden befeuert. Die Protagonisten in den Filmen der vorliegenden Reihe haben mächtige Gegner. Sie kämpfen gegen die italienische Mafia, gegen kolumbianische Drogenkartelle, gegen christliche Fundamentalisten, gegen eine überhebliche und skrupellose Kolonialordnung, in der es immer wieder zu Exzessen und Massakern kommt, und schließlich gegen eine Wirtschaftsordnung, die den Wert des Menschen ausschließlich in Aktiva und Passiva bemisst und selbst Einrichtungen wie Krankenhäuser zu Lasten der Patienten und der Beschäftigten auf Marktkonformität taktet.
 
Der marktgerechte Patient illustriert die durchgetaktete Institution Krankenhaus und die Schwierigkeit an einem solchen Ort Mensch und Gemeinschaft gleichermaßen zu sein. Denn nur das Team schließt aus humanitären Gründen die Löcher, die das System reißt. Und genau diese Menschlichkeit soll betriebswirtschaftlich eliminiert werden!? Der Wert des Menschen zeigt die Reduktion von Menschen auf buchhalterische Posten. Menschen werden zu Werkzeugen ohne Innenleben. Wer doch eins hat, womöglich sogar ein Gewissen, hat ein Problem in einer Welt wie jener im Film. La siciliana ribelle fokussiert einen tiefen Wertekonflikt und zeigt exemplarisch, wie prekär Befreiungsschläge sind. Das weiße Band thematisiert die Rebellion Jugendlicher gegen ein bigottes und selbstgerechtes Gottes- und Menschenbild. In Jardín de Amapolas steht die Frage im Mittelpunkt, was Kind-Sein im Umfeld so genannter „Schmutziger Kriege“ (guerras sucias) bedeutet. Und in Camp de Thiaroye wird die Frage behandelt, ob Menschen, die gerade für ein fremdes Land ihr Leben eingesetzt haben, nach dem gewonnenen Krieg trotz anderslautender Versprechen wieder auf den Platz zurückkehren, denen ihnen der Kolonialismus zugewiesen hat. 1944 verweigerten sich die Soldaten und bezahlten einen hohen Preis. 16 Jahre später wurden 13 afrikanische Länder unabhängig, darunter auch der Senegal. Anders als in Algerien beispielsweise ergaben sich die in vielfältiger Hinsicht erschöpften Kolonialreiche. Sie hatten jeden Anschein von Legitimation verloren, und zwar durch eine ganze Reihe von Geschichten wie jener, die sich in Thiaroye abspielte. Ein später Sieg.

Di 11.02.20
19:00 - 22:00 Uhr
Sa 15.02.20
16:00 - 21:00 Uhr
Mo 17.02.20
19:00 - 22:00 Uhr
2011804
Di 10.03.20
19:00 - 22:00 Uhr
Do 19.03.20
19:00 - 22:00 Uhr
2011806
Mi 25.03.20
19:00 - 22:00 Uhr
Mo 30.03.20
19:00 - 22:00 Uhr
Fr 24.04.20
19:00 - 22:00 Uhr
Do 07.05.20
19:00 - 22:00 Uhr
Di 12.05.20
19:00 - 22:00 Uhr
Fr 26.06.20
20:00 - 23:00 Uhr
Do 02.07.20
19:00 - 22:00 Uhr