Im FOKUS

GEMEINSINN


Vor 27 Jahren erschien ein Buch mit dem Titel „Making Democracy Work“. Der Autor Robert Putnam verglich in einer Langzeitstudie die zivilgesellschaftlichen Traditionen italienischer Regionen und kam zu folgendem Schluss:

„In einigen Regionen gibt es mehr Chöre, mehr Fußballvereine, mehr Umweltschutzgruppen [...] als in anderen. Dort lesen die Menschen mehr Tageszeitungen und informieren sich intensiver über lokalpolitische Fragen. Sie sind an partizipativen und nicht an klientelistischen Problemlösungen interessiert. Die Menschen hegen ein Grundvertrauen zueinander und halten sich an die Gesetze. Sie glauben an demokratische Prozesse und halten Kompromisse mit Menschen, die gegensätzliche Interessen vertreten, für notwendig. Die Bürger und ihre politischen Vertreter halten Gleichheit für ein hohes Gut. Gesellschaftliche und politische Netzwerke sind in diesen Regionen eher basisdemokratisch und weniger hierarchisch strukturiert. Die gemeinschaftsbezogenen Werte wie Solidarität, bürgerschaftliches Engagement, Kooperation und Ehrlichkeit genießen einen hohen Stellenwert. Die Verwaltung funktioniert auch in den Augen der Bürger. Kein Wunder, dass die Menschen in diesen Regionen zufriedener sind.“

1992 liegt weit zurück. Und Italien ist nicht Deutschland. Doch unabhängig von Raum und Zeit macht der Gemeinsinn den Unterschied. Die Steuermoral differenziert zwischen Gebietskörperschaften, die funktionieren und solchen, die ihr Gemeinwesen nicht finanzieren können. Politische Systeme leben von der Bürgerbeteiligung, und soziales Engagement ist zu einem Aktivposten in Lebensläufen geworden. Gemeinsinn hat Konjunktur. Das beweist die große Bertelsmann-Studie „Messen, was verbindet“. Sie wurde vor genau zwei Jahren veröffentlicht und besagt, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt hierzulande nicht nur ein hoher Wert, sondern auch gelebte Praxis sei. Migration unterminiere den Gemeinsinn nicht. Gefährdet werde der Zusammenhalt allerdings durch ein zunehmendes Gerechtigkeitsdefizit. Die relativ neue deutsch-französische Studie „Rückkehr zu den politisch Verlassenen“ zeigt, dass Räume der „politischen Verlassenheit“, in denen Rechtsextreme Wahlerfolge feiern, zurückgewonnen werden können. Wichtig sei dabei Präsenz in den Quartieren, offene Ohren für die Menschen, Gespräche auf Augenhöhe zur Verbesserung der Lebensqualität vor Ort, Chancengerechtigkeit und vor allem gelebte Solidarität.

 

In den letzten Jahr(zehnt)en wurden komplexe Indikatoren entwickelt. Sie ermöglichen vergleichbare Aussagen zum Entwicklungsstand einer Gesellschaft, zur Verteilungsgerechtigkeit, zur Regierungskunst, zur Korruptionswahrnehmung und sogar zum persönlichen Glücksempfinden. Wer die entsprechenden Daten korreliert, gelangt zu zwei Erkenntnissen: erstens besteht zwischen den einzelnen Befunden ein systemischer Zusammenhang, und zweitens schneiden bei allen Erhebungen die „gemeinwohlorientierten Sozialstaaten“ Nordeuropas signifikant besser ab als wirtschaftsliberale Systeme. Gesellschaften, die zwischen Gütern und Waren unterscheiden, bekennen sich zwangsläufig zu einem intervenierenden und gestaltenden Staat. Neue Technologien werden in solchen Regimen sozial verträglicher, oft sogar schneller eingeführt. Wenn das Politische System dann auch noch echte Mitbestimmungsmöglichkeiten bietet, und wenn die politischen Prozesse als gerecht und transparent wahrgenommen werden, finden polarisierende Diskurse wie „DIE da oben und WIR da unten“ fast keine Anknüpfungspunkte.

 

Do 07.05.20
19:00 - 22:00 Uhr
Mi 25.03.20
18:00 - 19:00 Uhr
Fr 27.03.20
16:30 - 19:00 Uhr
Wie viel Gemeinsinn steckt in Bachs Meisterwerk?
2011005
Do 23.04.20
19:00 - 21:30 Uhr
Fr 24.04.20
19:00 - 22:00 Uhr
Sa 25.04.20
15:50 - 17:00 Uhr
Mo 27.04.20
19:00 - 22:00 Uhr
Di 28.04.20
09:30 - 12:00 Uhr
Di 28.04.20
19:00 - 22:00 Uhr
Sicher unterwegs im Internet
2015071
Mi 29.04.20
19:00 - 20:30 Uhr
Di 12.05.20
19:00 - 22:00 Uhr
Di 26.05.20
14:00 - 16:30 Uhr
Do 28.05.20
09:30 - 12:00 Uhr
Abweichler und widerständige Soldaten in der Wehrmacht
2011004
Fr 29.05.20
16:00 - 18:00 Uhr
Plakate und Bilder zur Novemberrevolution
vhs-Ausstellung-2005
Mo, Di, Mi, Do, Fr, Sa, So 15.06.20
08:00 - 22:00 Uhr
Fr 26.06.20
20:00 - 23:00 Uhr
Do 02.07.20
19:00 - 22:00 Uhr
 

GEMEINSINN


Vor 27 Jahren erschien ein Buch mit dem Titel „Making Democracy Work“. Der Autor Robert Putnam verglich in einer Langzeitstudie die zivilgesellschaftlichen Traditionen italienischer Regionen und kam zu folgendem Schluss:

„In einigen Regionen gibt es mehr Chöre, mehr Fußballvereine, mehr Umweltschutzgruppen [...] als in anderen. Dort lesen die Menschen mehr Tageszeitungen und informieren sich intensiver über lokalpolitische Fragen. Sie sind an partizipativen und nicht an klientelistischen Problemlösungen interessiert. Die Menschen hegen ein Grundvertrauen zueinander und halten sich an die Gesetze. Sie glauben an demokratische Prozesse und halten Kompromisse mit Menschen, die gegensätzliche Interessen vertreten, für notwendig. Die Bürger und ihre politischen Vertreter halten Gleichheit für ein hohes Gut. Gesellschaftliche und politische Netzwerke sind in diesen Regionen eher basisdemokratisch und weniger hierarchisch strukturiert. Die gemeinschaftsbezogenen Werte wie Solidarität, bürgerschaftliches Engagement, Kooperation und Ehrlichkeit genießen einen hohen Stellenwert. Die Verwaltung funktioniert auch in den Augen der Bürger. Kein Wunder, dass die Menschen in diesen Regionen zufriedener sind.“

1992 liegt weit zurück. Und Italien ist nicht Deutschland. Doch unabhängig von Raum und Zeit macht der Gemeinsinn den Unterschied. Die Steuermoral differenziert zwischen Gebietskörperschaften, die funktionieren und solchen, die ihr Gemeinwesen nicht finanzieren können. Politische Systeme leben von der Bürgerbeteiligung, und soziales Engagement ist zu einem Aktivposten in Lebensläufen geworden. Gemeinsinn hat Konjunktur. Das beweist die große Bertelsmann-Studie „Messen, was verbindet“. Sie wurde vor genau zwei Jahren veröffentlicht und besagt, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt hierzulande nicht nur ein hoher Wert, sondern auch gelebte Praxis sei. Migration unterminiere den Gemeinsinn nicht. Gefährdet werde der Zusammenhalt allerdings durch ein zunehmendes Gerechtigkeitsdefizit. Die relativ neue deutsch-französische Studie „Rückkehr zu den politisch Verlassenen“ zeigt, dass Räume der „politischen Verlassenheit“, in denen Rechtsextreme Wahlerfolge feiern, zurückgewonnen werden können. Wichtig sei dabei Präsenz in den Quartieren, offene Ohren für die Menschen, Gespräche auf Augenhöhe zur Verbesserung der Lebensqualität vor Ort, Chancengerechtigkeit und vor allem gelebte Solidarität.

 

In den letzten Jahr(zehnt)en wurden komplexe Indikatoren entwickelt. Sie ermöglichen vergleichbare Aussagen zum Entwicklungsstand einer Gesellschaft, zur Verteilungsgerechtigkeit, zur Regierungskunst, zur Korruptionswahrnehmung und sogar zum persönlichen Glücksempfinden. Wer die entsprechenden Daten korreliert, gelangt zu zwei Erkenntnissen: erstens besteht zwischen den einzelnen Befunden ein systemischer Zusammenhang, und zweitens schneiden bei allen Erhebungen die „gemeinwohlorientierten Sozialstaaten“ Nordeuropas signifikant besser ab als wirtschaftsliberale Systeme. Gesellschaften, die zwischen Gütern und Waren unterscheiden, bekennen sich zwangsläufig zu einem intervenierenden und gestaltenden Staat. Neue Technologien werden in solchen Regimen sozial verträglicher, oft sogar schneller eingeführt. Wenn das Politische System dann auch noch echte Mitbestimmungsmöglichkeiten bietet, und wenn die politischen Prozesse als gerecht und transparent wahrgenommen werden, finden polarisierende Diskurse wie „DIE da oben und WIR da unten“ fast keine Anknüpfungspunkte.

 

Do 07.05.20
19:00 - 22:00 Uhr
Mi 25.03.20
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Wie viel Gemeinsinn steckt in Bachs Meisterwerk?
2011005
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Abweichler und widerständige Soldaten in der Wehrmacht
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Plakate und Bilder zur Novemberrevolution
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