Im FOKUS


VORWÄRTS ERINNERN

Die Geschichte boomt. Die einschlägigen Museen verzeichnen astronomische Besucherzahlen. Nicht alle, aber erstaunlich viele. In Gedenkjahren werden historische Personen wie Popstars gefeiert. Martin Luther und seine Thesen im vorletzten Jahr, Karl Marx und die seinen im letzten. Die Events sind jedoch Teil einer Aufmerksamkeitsökonomie, die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten folgt. Natürlich sind Marktgesetze geschichtsmächtig. Aber Leitplanken sind nötig. Drei zentrale Aspekte veranlassten uns zum vorliegenden Semesterschwerpunkt: erstens die Neuausrichtung der Erinnerungskultur, zweitens die politische Bedeutung des kollektiven Gedächtnisses in einem Jahr strategischer Gedenktage und drittens die Frage nach einer ideologiekritischen Erinnerungskultur.

Erinnern ist mehr als Gedenken. Lange Zeit bezog sich die Erinnerung auf die Vergangenheit. Hier vollzieht sich gerade ein tiefgreifender Wandel. Der Philosoph und Zukunftsforscher Harald Welzer plädiert für ein „Zukunftsgedächtnis“: „Es gilt, die Erinnerungskultur in Richtung Zukunft neu zu justieren. Die Funktion des menschlichen Gedächtnisses ist nicht von der Vergangenheit, sondern von der Zukunft her zu verstehen, was für die Erinnerungskultur zentral ist.“ Also VORWÄRTS ERINNERN, aber weshalb?

2019 ist ein Schlüsseljahr für das kollektive Gedächtnis. Das Grundgesetz könnte zum erinnerungspolitischen Hauptdarsteller werden. Außerdem finden Wahlen statt, deren Bedeutung möglicherweise unterschätzt wird. Zwischen dem Gedenktag und dem Wahltag liegen gerade mal 72 Stunden. Die Europawahl beginnt sogar an dem Tag, an dem das Grundgesetz den 70. Jahrestag seines Inkrafttretens feiert. Die Bezüge zwischen dem deutschen Grundgesetz und der Europäischen Union sind vielfältig. Sie betreffen alle Zeitebenen, die Vergangenheit mit dem gemeinsamen Bezugspunkt Zweiter Weltkrieg und Faschismus, die Gegenwart mit den vielen realen und mentalen Verwerfungen in Deutschland und Europa und nicht zuletzt die Zukunft, über die wir gerade entscheiden.

Der dritte Grund ist ideologiekritischer Natur. Die Art und Weise, wie wir uns erinnern, hängt eng mit unserer Weltanschauung zusammen. Deshalb ist die Erinnerungspolitik ein umkämpftes Feld. In Brasilien gewann vor kurzem ein Kandidat die Präsidentschaftswahl, der die 21 Jahre währende Militärdiktatur feierte und einen der schlimmsten Folterer hochleben ließ. In Italien wird der starke Mann der Rechten, Innenminister Salvini, bei seinen Besuchen in der italienischen Provinz mit der Partisanenhymne Bella Ciao empfangen. Und hierzulande wird versucht, dem Land eine tausendjährige Erfolgsgeschichte anzudichten. Mit mäßigem Erfolg. Die wenigen Beispiele zeigen, dass sich im Kampf um das kollektive Gedächtnis nicht unbedingt die besseren Argumente durchsetzen. Es geht also „nur“ darum, der Vernunft zum Sieg zu verhelfen. Das ist leichter gesagt als getan. In guter aufklärerischer Tradition wird man alle Diskurse auf den Prüfstand stellen, sie einem Faktencheck unterziehen und sie auf Fehler in der Argumentationskette hin untersuchen.

Dabei gehen wir von sogenannten Erinnerungsorten aus, die nicht zwangsläufig Orte der Erinnerung sein müssen. Es kann sich dabei auch um Lieder wie die Kinder-Hymne von Bertolt Brecht, um Gesten wie den Kniefall Willy Brandts oder um Mythen wie den „deutschen Wald“, die „russische Seele“ oder die „German Angst“ handeln. Auch „Heimat“ und  EUropa sind Erinnerungsorte. Passend zum 70. Jahrestag des Grundgesetzes fragen wir, ob unsere Untersuchungsgegenstände in guter Verfassung sind und wie eine positive Vision von Europa aussehen könnte.

 

In guter Verfassung

1911150 21.02.19
Do
1911802 26.02.19
Di
1911803 07.03.19
Do
1911805 21.03.19
Do
1911808 09.04.19
Di
1911811 08.05.19
Mi
1911814 22.05.19
Mi

Auf der Suche nach Europa

1911102 11.03.19
Mo
1911002 07.05.19
Di
1911812 17.05.19
Fr

Erinnerungsorte

1911809 12.04.19
Fr
1911051 27.05.19
Mo
1911816 05.06.19
Mi

Heimat

1911801 20.02.19
Mi
1911070 11.03.19
Mo
1911804 12.03.19
Di
1911810 30.04.19
Di