IN VIELEM EINS

Offene Gesellschaften sind geschlossenen überlegen. Menschen definieren sich durch ihre Biografien und nicht durch identitäre Zugehörigkeiten. Bunte Republiken bilden den Rahmen für glückliche Gesellschaften.

Menschenrechte sind universell und nicht verhandelbar…

 

Weite Teile der Zivilgesellschaft würden diese Sätze unterschreiben. Wir sind uns in vielem eins. In Sachen Menschenwürde etwa. Wirklich? Muss die nicht geschützt werden, gerade weil sie so oft angetastet wird? Verfassungsansprüche entsprechen selten der Realität. „Die Hautfarbe ist nicht maßgeblich“, sagen die einen und meinen es gut. „Nichts ist so maßgeblich wie die Hautfarbe“, betonen die anderen und verweisen auf einschlägige Erfahrungen. Es ist eine Frage der Hautfarbe, ob Pigmente zählen oder nicht.

Wie Bevölkerungsgruppen die Gesellschaft wahrnehmen, hängt davon ab, wie sie sich wahrgenommen fühlen. Wahrnehmungs- und Wertschätzungsprozesse sind ähnlich getaktet. Ein illustres Beispiel dafür liefert die Filmgeschichte. Im Nachkriegskino spielten Migrant*innen keine (große) Rolle. Für einen Vorschein auf eine bunte Gesellschaft sorgte ausgerechnet ein alkoholisierter Rückblick eines Wehrmachtsgenerals auf eine lange rheinische Migrationsgeschichte. Der Mann entzauberte den Mythos vom Rein-Sein, verwies auf die kosmopolitischen Wurzeln der Rheinländer und beschwor die Vermischung als deren Erfolgsprinzip. Es dauerte lange, bis Migrant*innen auf den Filmleinwänden zu sehen waren. Stereotype Verzerrungen wichen erst langsam Repräsentationen mit hoher Auflösung. Das Geschehen vor der Kamera ist nie unabhängig von dem, was sich dahinter oder daneben abspielt. Eine blühende Integrationsfilmlandschaft erfordert Sichtbarkeit und Perspektivenvielfalt. Die Filmcrews wurden bunter und mit ihnen die Filme. Im Kielwasser eines Fatih Akın betraten immer mehr Cineast*innen mit Migrationshintergrund die Bühne. Ähnliches gilt auch für den deutschen Fernsehjournalismus. Normalität als höchste Form der Wertschätzung! Wozu also noch über Diversität reden, wenn sie mancherorts schon gelebt wird?

Mancherorts ist nicht vielerorts. Außerdem ist der Weg in eine Offene Gesellschaft keine Einbahnstraße. Gerade in Krisenzeiten sind Errungenschaften prekär. Und schließlich reproduzieren sich in Klassengesellschaften soziale und kulturelle Unterschiede. Deklassierung und Unsichtbarkeit sind zwei Seiten einer Medaille. Wenig überraschend, dass der Kampf um Wahrnehmung immer härter geführt wird.

Die Gesellschaft soll bunter werden. Umstritten sind die Wege dorthin. Während die einen für Sichtbarkeit und Repräsentanz Quotenlösungen fordern, untersuchen andere den demokratiepolitischen Humus einer bunten Gesellschaft. Sie bestehen auf eine rechtsverbindliche Grundordnung, die allen aktive und passive Freiheitsrechte gewährt, auf einen herrschaftsfreien und ethisch fundierten Diskursrahmen und auf Partizipations(an)geboten, die Menschen im Dunkeln besser ausleuchten. Wie lassen sich die beiden Ansätze so verknüpfen, dass die Randständigen einbezogen und die Gesellschaft nicht in ihre soziologischen Bestandteile zerfällt? In Vielem eins zu sein, bezieht sich in positioneller Hinsicht auf einen gemeinsamen Wertekanon. In philosophischer Hinsicht bedeutet es, dass Diversität einen Tatbestand, eine Ästhetik, ein kollektives Bedürfnis und einen Gestaltungsauftrag in sich vereint. Vielfalt ist nicht! Vielfalt wird, jeden Tag aufs Neue! Vielfalt ist nicht beliebig. Sie gedeiht nur in humanistischen Gesellschaften, in denen alle ihre Persönlichkeit frei entfalten. Niemand bleibt zurück. Und die eigene Freiheit wächst mit der Freiheit der anderen.